Die Schweiz hat die Experimentierphase bei den digitalen Vermögenswerten («digital assets») hinter sich gelassen. Heute zählt sie in diesem Bereich zu den fortschrittlichsten Finanzplätzen der Welt.
Gemäss dem Digital Asset Banking Report der Crypto Valley Association vom März 2026 ist die Schweiz mit 20 Anbietern von Crypto-Services weltweit führend. Dahinter folgen die USA mit 15 und Deutschland mit 12 Anbietern. Das Geschäft mit digitalen Vermögenswerten beschränkt sich nicht mehr auf reine Krypto-Banken. In der Schweiz haben sich bereits Finanzinstitute wie die ZKB, PostFinance, Julius Baer, LUKB, Swissquote, Sygnum Bank und andere in diesem Bereich etabliert.
Wie wurde die Schweiz zu einem Pionier im Digital Asset Banking?
Dass die Schweiz eine führende Rolle einnimmt, ist kein Zufall. Sie hat frühzeitig gehandelt, Innovationskraft mit rechtlicher Klarheit verbunden und ein Ökosystem geschaffen, das es den Banken ermöglichte, sich konkret mit digitalen Vermögenswerten zu befassen, bevor viele andere Märkte dazu bereit waren. 2018 veröffentlichte die FINMA ihre Wegleitung zu Initial Coin Offerings (ICO), 2019 vergab sie Banklizenzen an die ersten reinen Blockchain-Dienstleister SEBA (nun AMINA) und Sygnum. Am 1. August 2021 schliesslich trat das Distributed-Ledger-Technologie-(DLT-)Gesetz vollständig in Kraft, was zusätzliche Rechtssicherheit schuf für tokenisierte Vermögenswerte und Handelsplätze.

Ist es zu spät für den Markteintritt?
Für Banken und Finanzinstitute, die in diesem Bereich noch nicht aktiv sind, lautet die entscheidende Frage nicht, ob digitale Vermögenswerte wichtig sind, sondern vielmehr, wann sie sich ernsthaft damit befassen sollten. Auch wenn gewisse Spätzünder dies glauben, so ist es für den Markteintritt noch nicht zu spät. Im Gegenteil – der Moment ist sogar in vielerlei Hinsicht günstig: Das Ökosystem ist stärker verankert, der Reifegrad der Anbieter höher, der rechtliche Rahmen klarer und die erste Welle der Finanzdienstleister hat bereits einen Teil der Lernkurve bewältigt.
Wo soll eine Bank nun ansetzen?
Die erste Frage ist klar: Soll ich die notwendige Infrastruktur kaufen («buy») oder selbst aufbauen («build»)?
Buy: die Abkürzung
Vorteile der Buy-Option
Für Finanzinstitute, die schnell vorankommen wollen, ist «buy» oft der naheliegende erste Schritt. Der Schweizer Markt verfügt bereits über ein starkes Ökosystem von B2B-Anbietern digitaler Vermögenswerte, darunter die Sygnum Bank und die Crypto Finance AG. Ein Finanzinstitut muss folglich nicht alles von Grund auf neu aufbauen, um ein glaubwürdiges Angebot an digitalen Vermögenswerten zu lancieren.
Die Argumente für die Buy-Option sind eindeutig:
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Schnellere Markteinführung
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Bewährte Bausteine von institutioneller Qualität
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Modulare Dienste, die das Ausführungsrisiko minimieren können
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Geringere interne Komplexität im Anfangsstadium
Dies ist genau, was viele Banken brauchen: ein praktischer Ansatz, um ein erstes Angebot zur Verwahrung und zum Handel digitaler Vermögenswerte auf den Markt zu bringen, aus der effektiven Kundennachfrage zu lernen und zu vermeiden, dass die erste Phase zu einem mehrjährigen Transformationsprogramm wird.
Doch die Buy-Option hat ihre Grenzen.
Nachteile der Buy-Option
Mittelfristig kann es wichtiger sein, einen grösseren Teil der Infrastruktur selbst zu besitzen, als Kosten zu sparen. Noch entscheidender: Mit einer rein externen Lösung kann sich ein Anbieter kaum differenzieren. Wer genau dasselbe anbietet wie die Konkurrenz, kann daraus kaum einen strategischen Vorteil schlagen. Hinzu kommt die Frage nach den Beziehungen: Je nach Anbieter binden Sie möglicherweise ein weiteres Finanzinstitut oder einen Infrastrukturbetreiber in einen Teil Ihrer Wertschöpfungskette ein, den Sie irgendwann direkter kontrollieren möchten.
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Vorteile
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Nachteile
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Buy
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Schnelle Markteinführung
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Bausteine von institutioneller Qualität
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Modulare Dienste, die das Ausführungsrisiko minimieren können
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Geringere interne Komplexität
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- Kein vollständiger Besitz der Infrastruktur
- Geringe Differenzierung aufgrund externer Lösung
- Einbindung einer Drittpartei in die Wertschöpfungskette
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Build
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Langfristig höhere Einsparungen
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Bessere Kontrolle von Architektur und Roadmap
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Engere Integration in die Prozesse und das Sicherheitsmodell
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Umfassenderes internes Wissen über digitale Vermögenswerte
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- Finanzielle, zeitliche und personelle Investition
- Aufwand für Bewirtschaftung von Risiken und Infrastruktur
- Erfordert disziplinierte Entwicklung und Härten der Systeme
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Build: der strategische Weg
Der Aufbau einer eigenen Infrastruktur für digitale Vermögenswerte ist eine ganz andere Entscheidung.
Vorteile der Build-Option
Der Build-Ansatz ist in der Regel dann sinnvoll, wenn eine Bank bereits zu dem Schluss gekommen ist, dass digitale Vermögenswerte für sie nicht nur ein Nebengeschäft, sondern eine strategische Kompetenz sein sollen. In diesem Fall geht es um mehr als die Technologie. Es geht um die Internalisierung: von Wissen, Kontrolle, Governance und zukünftigen Optionen.
Die Vorteile sind überzeugend:
- Langfristig höhere Einsparungen, die skalieren
- Bessere Kontrolle von Architektur und Roadmap
- Engere Integration in die Prozesse und das Sicherheitsmodell der Bank
- Umfassenderes internes Wissen über digitale Vermögenswerte
Nachteile der Build-Option
Damit der Build-Ansatz funktioniert, muss ein Finanzinstitut bereit sein zu investieren – nicht nur finanziell, sondern auch in Zeit, Personal, Governance, Integration und das Betriebsmodell. Eine Infrastruktur für digitale Vermögenswerte ist keine Demo-Umgebung. Sie ist Teil der echten Bankinfrastruktur mit echten Kundenvermögen, betrieblichen Risiken und regulatorischen Anforderungen. Genau hier unterschätzen die meisten Finanzinstitute den Aufwand. Der Technologie-Stack mag heute zugänglicher sein als noch vor einigen Jahren. Das bedeutet jedoch nicht, dass man die Entwicklung und das Härten der Systeme vernachlässigen kann.
Für gewisse Finanzinstitute besteht der pragmatischste Ansatz darin, zunächst Infrastruktur zu kaufen, um rasch in den Markt einzutreten, und sie selektiv selbst zu erweitern, sobald sich das Geschäftsmodell bewährt hat.
Starten Sie mit Custody, dem Fundament Ihrer Digital-Asset-Architektur
Custody – also der digitale Tresor für die Verwahrung – ist das wichtigste Technologie-Modul, wenn eine Bank ins Geschäft mit digitalen Vermögenswerten einsteigt.
Sicherheit digitaler Vermögenswerte – wortwörtlich ein «Schlüssel»-Element
Die Analogie ist einfach: Bei der Gründung einer traditionellen Bank wird oft zuerst in den Tresorraum investiert. Selbstverständlich besteht die Bank aus mehr als dem Tresorraum, doch ohne bleiben die Vermögenswerte ungeschützt. Bei den digitalen Vermögenswerten spielt «Custody», d.h. die sichere Verwahrung, dieselbe Rolle. Denn der virtuelle Tresor schützt die privaten Schlüssel («private keys»), über die der Zugang zu den digitalen Vermögenswerten kontrolliert wird.

Die Verwahrung ist nicht nur eine Frage der technologischen Ausrichtung, sondern mittlerweile ein aufsichtsrechtliches Thema. Im Januar 2026 veröffentlichte die FINMA eine Aufsichtsmitteilung zu den Risiken, die mit der Verwahrung kryptobasierter Vermögenswerte verbunden sind, sowie zu den Anforderungen, wie Finanzinstitute diese Risiken mindern müssen. Die FINMA hält ausdrücklich fest, dass sie im Schweizer Finanzmarkt ein zunehmendes Interesse an kryptobasierten Vermögenswerten und den damit verbundenen Dienstleistungen verzeichnet.
Aus diesem Grund sollten die Verwahrung und die Sicherheit digitaler Vermögenswerte oberste Priorität haben.
HSM vs. MPC: weniger Religion, mehr Strategie
Sobald sich eine Bank ernsthaft mit dem Thema Verwahrung befasst, stellt sich sehr schnell die Frage: HSM (Hardware Security Module) oder MPC (Multi-Party Computation)?
Die Diskussion nimmt häufig fast religiöse Züge an: Hardware vs. Software. Die einen verweisen auf die strengere Trennung und bewährte Sicherheitskontrollen, die andere auf die höhere Flexibilität und betriebliche Agilität.
Entscheidender sind indes die folgenden Fragen:
- Betrifft der erste Anwendungsfall eher die langfristige Speicherung oder aktive Handelsströme?
- Wie viele Personen müssen in den Genehmigungsprozess einbezogen werden?
- Wie müssen die Aufgaben aufgeteilt werden?
- Wie erfolgt die Wiederherstellung bei einer Krise?
- Wie viel Flexibilität ist notwendig für künftige Produkte?
- Reicht ein Modell für die Verwahrung oder braucht es mehrere?
Immer mehr Finanzinstitute erkennen, dass sich HSM und MPC nicht gegenseitig ausschliessen müssen. Ein Multi-Custody-Ansatz kann sinnvoll sein: eine Lösung für die sichere Langzeitverwahrung, eine andere für aktive Transaktionsumgebungen sowie klare Regeln für das Zusammenspiel der beiden. Mit anderen Worten: Es handelt sich nicht um einen Glaubens-, sondern um einen Architekturentscheid.
Was Banken analysieren sollten, bevor sie sich für die Art der Verwahrung entscheiden
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Warum ist das wichtig? |
| Security und Governance |
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| Integration |
- Eine Standalone-Lösung muss mittelfristig an die Bankenumgebung angebunden werden
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| Produkt-Roadmap |
- Ermöglicht die gezielte Integration neuer Services
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| Ausstiegsmöglichkeiten |
- Hilft bei der Klärung, ob die Buy-Option eine spätere Migration zulässt
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Unabhängig davon, für welches Modell Sie sich entscheiden – Buy oder Build und/oder HSM oder MPC –, gibt es einige Punkte, die von Anfang an besondere Beachtung verdienen:
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Security und Governance
Die Verwahrung ist der heikelste Teil im Stack für digitale Vermögenswerte. Der virtuelle Tresor schützt die Schlüssel, über die die Kundenvermögen und die firmeneigenen Positionen kontrolliert werden. Handhabung der Schlüssel, Zugangskontrolle, Genehmigungsworkflows, Prüfbarkeit, Wiederherstellungsprozesse und Incident-Response-Planung sind daher entscheidend.
- Integration
Für eine gewisse Phase lässt sich eine Custody-Lösung im Standalone-Modus betreiben. Mittelfristig muss sie an die anderen Bankprozesse angebunden werden wie Verbuchung und Abstimmung, Compliance und Geldwäschereibekämpfung sowie Berichtswesen und Kundenkanäle; häufig auch an die Kernbankensysteme. Echter Wert entsteht erst, wenn die Prozesse zuverlässig und reproduzierbar sind, nicht wenn sie dauerhaft manuell bewirtschaftet werden müssen.
- Produkt-Roadmap
Ein glaubwürdiger Markteintritt beginnt in der Regel zumindest mit der Verwahrung und dem Handel digitaler Vermögenswerte. Auf dieser Basis lässt sich die Roadmap auf Staking, Kreditvergabe, Tokenisierung oder Prozesse für Sicherheiten erweitern. Die Architektur sollte diese Entwicklung von Beginn weg unterstützen.
- Ausstiegsmöglichkeiten
Dieser Punkt geht oft vergessen. Ist eine spätere Migration möglich, ohne alles neu zu machen, wenn man zuerst auf die Buy-Option setzt? Lassen sich Daten, Prozesse und Kontrollen auf eine künftige interne Lösung übertragen? Ein erster guter Entscheid sollte nicht dem nächsten im Weg stehen.
Von der Strategie zum Wettbewerbsvorteil
Digitale Vermögenswerte entwickeln sich zu einem normalen Teil der Schweizer Finanzinfrastruktur. War der Markt bisher von einzelnen Initiativen geprägt, gewinnt er nun breitere institutionelle Akzeptanz. Am meisten werden davon nicht unbedingt jene Finanzinstitute profitieren, die zuerst auf die Entwicklung reagiert haben. Es werden vielmehr jene sein, die sich nun für die richtige Technologie entscheiden, entschlossen Chancen ergreifen und diszipliniert eine nachhaltige Infrastruktur aufbauen.
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